Japanische Whisky-Geschichte [3/6]: Masataka Taketsuru & Nikka
Masataka Taketsuru gilt als der Gründungsvater des japanischen Whiskys schottischer Prägung. Seine Leidenschaft für das authentische Destillationshandwerk führte ihn 1918 als jungen Mann nach Schottland – und Jahre später in den rauen Norden Japans, nach Hokkaido. Hier entstand Nikka und damit die zweite große Säule der japanischen Whisky-Kultur.
Übersicht unserer Serie: Die Geschichte des japanischen Whiskys
- Teil 1: Von den Anfängen bis heute (Der große Überblick)
- Teil 2: Shinjiro Torii & Yamazaki – Die Geburt einer Industrie
- Teil 3: Masataka Taketsuru & Nikka – Der schottische Traum (Dieser Artikel)
- Teil 4: Nachkriegsboom & Torys Bars – Wie Whisky zum Volksgetränk wurde
- Teil 5: Karuizawa, Hanyu & Chichibu – Schließungen und Wiedergeburt
- Teil 6: Internationaler Erfolg & Zukunft – Weltruhm und JSMA-Standards
Die Lehrjahre in Schottland: Wissen aus erster Hand
Masataka Taketsuru entstammte einer traditionsreichen Sake-Brauerfamilie in Hiroshima. 1918 wurde er von seinem damaligen Arbeitgeber Settsu Shuzo nach Schottland entsandt, um als erster Japaner überhaupt die Kunst des Whiskybrennens akademisch und praktisch zu erlernen.
An der Universität Glasgow studierte er organische Chemie, doch das eigentliche Handwerk eignete er sich vor Ort in den Brennereien an: bei Longmorn in Speyside und Hazelburn in Campbeltown. Akribisch hielt er jede Einzelheit in zwei Notizbüchern fest – den berühmten Taketsuru-Notebooks, die später zur Bibel des japanischen Whiskybaus wurden.
In Schottland fand Taketsuru nicht nur seine Berufung, sondern auch seine Lebensgefährtin: Rita Cowan. Gegen den Widerstand beider Familien heirateten sie 1920 und reisten gemeinsam nach Japan.
Der Traum von Hokkaido: Die Gründung von Yoichi (1934)
Nach zehn intensiven Aufbaujahren bei Yamazaki (siehe Teil 2 der Serie) wollte Taketsuru keine Kompromisse beim Geschmack mehr eingehen. Er suchte eine Landschaft, die den schottischen Highlands glich.
Er fand sie in Yoichi an der Westküste Hokkaidos:
- Kühles, feuchtes Meeresklima mit nebligen Sommern und schneereichen Wintern.
- Reichhaltige Torfvorkommen in den umliegenden Mooren.
- Kristallklares Wasser aus dem Yoichi-Fluss.
1934 gründete er das Unternehmen Dai Nippon Kaju (Großjapanische Saftgesellschaft). Da Whisky Jahre im Fass reifen muss, verkaufte Taketsuru zunächst Apfelsaft aus lokalen Beständen, um das Unternehmen liquide zu halten. 1940 erschien schließlich der erste eigene Whisky unter dem Markennamen Nikka Whisky (abgeleitet von Ni-k-ka aus Nippon Kaju).
Tradition bis heute: Kohlebefeuerung bei Yoichi
Taketsuru bestand auf traditionellen schottischen Methoden, die selbst in Schottland nach und nach verschwanden. Das Herzstück von Yoichi bilden bis heute kupferne Pot Stills, die direkt mit fein gemahlener Steinkohle von Hand befeuert werden. Diese ungleichmäßige, intensive Hitze (oft über 800 °C) verleiht dem Destillat eine kraftvolle, torfige, geröstete Tiefe und unverwechselbaren Charakter.
Die zweite Säule: Miyagikyo und der Coffey Still (1969)
Um vielschichtige Blended Whiskys ohne fremde Zukäufe kreieren zu können, benötigte Nikka einen eleganten, fruchtigen Kontrast zum schweren Yoichi-Malt sowie hochwertigen Grain Whisky.
1969 eröffnete Taketsuru seine zweite Destillerie: Miyagikyo (ursprünglich Sendai Distillery) in einem bewaldeten Flusstal in der Präfektur Miyagi. Hier sorgen dampfbeheizte Brennblasen mit langem Hals für einen feinen, floralen Single Malt. Zudem installierte Nikka in den 1960er Jahren traditionelle schottische Coffey Stills (Kolonnenbrennanlagen), die bis heute für den berühmten samtigen Nikka Coffey Grain und Coffey Malt sorgen.
Das Vermächtnis von Masataka und Rita
Masataka Taketsuru verstarb 1979, doch sein Geist prägt die Marke Nikka bis heute. Seine Beharrlichkeit, gepaart mit Ritas unerschütterlicher Unterstützung in einer oft fremden Kultur, legte den Grundstein für Whiskys, die Jahrzehnte später bei internationalen Blindverkostungen schottische Spitzenwhiskys hinter sich lassen sollten.
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Wie geht es weiter in der Serie?
In Teil 4 erfahren Sie, wie Whisky nach dem Zweiten Weltkrieg dank Torys Bars und dem Highball zum populärsten Volksgetränk Japans aufstieg.
Weiter zu Teil 4: Nachkriegsboom & Torys Bars ➔Quellen
- Brian Ashcraft: Japanese Whisky: The Ultimate Guide, Tuttle Publishing, S. 188–199.
- Stefan Van Eycken: Whisky Rising, Cider Mill Press, S. 44–68, 134–142.
- Mamoru Tsuchiya: Japanese Whisky Yearbook 2023, S. 84–92, 157–160.
- Dave Broom: The Way of Whisky, Mitchell Beazley, S. 282–289.